Niklas Luhmann hätte Karpathys letzten Post sofort verstanden.
Andrej Karpathy beschreibt gerade, wie er aufgehört hat, hauptsächlich Code zu schreiben – und stattdessen Wissen strukturiert. Er sammelt Rohdaten (Artikel, Papers, Repos), lässt ein LLM daraus ein Wiki in Markdown kompilieren, stellt Fragen dagegen und speichert die Antworten zurück ins Wiki. Obsidian als Frontend, das LLM als Lektor, Indexer und Analytiker in einem. Lex Fridman schreibt im Thread, er nutze dasselbe Prinzip für seine Podcast-Recherche.
Luhmanns Zettelkasten
Luhmann entwickelte in den 1950er-Jahren rund 90.000 Karteikarten – nicht hierarchisch, sondern durch Querverweise vernetzt. Das Denken entstand im Dialog mit dem Zettelkasten, nicht isoliert im Kopf. Luhmann nannte ihn seinen Kommunikationspartner: er lieferte Überraschungen, Widersprüche, neue Verbindungen. Über 70 Bücher entstanden daraus.
Was Karpathy beschreibt, ist derselbe Ansatz: .md-Dateien statt Karteikarten, Backlinks statt Querverweise – und das LLM übernimmt, was Luhmann manuell tat: vernetzen, Widersprüche aufdecken, neue Verbindungen vorschlagen.
Was sich am Programmieren verändert
Karpathy: "ein grosser Anteil seines Token-Durchsatzes geht nicht mehr in die Manipulation von Code, sondern in die Manipulation von Wissen."
Programmieren war: Logik formalisieren, Algorithmen implementieren, debuggen. Das Denken passierte im Kopf, der Code war das Produkt. Was sich verschiebt: Das Produkt ist Kontext. Wissensdesign und Informationsarchitektur – Disziplinen, die in der Informatik lange ein Schattendasein führten – rücken in den Mittelpunkt.
Die Frage "Wie schreibe ich diesen Code?" wird zu: "Wie baue ich diesen Kontext?"
Was bleibt vom Informatikerdenken?
Einiges rettet sich:
▪️ Systemdenken – Abhängigkeiten und Schnittstellen erkennen, jetzt auf Wissensstrukturen angewandt statt auf Code.
▪️ Datenmodellierung – wer versteht, wie man Informationen strukturiert und verbindet, hat einen klaren Vorteil beim Aufbau von Wissensbasen.
▪️ Qualitätsbewusstsein – Karpathy "lintet" sein Wiki: LLM-Health-Checks für Inkonsistenzen, fehlende Daten, neue Verbindungen. Data Quality wird zu Wissensqualität.
Was wegfällt: das manuelle Schreiben von Code als tägliche Haupttätigkeit.
Vielleicht lohnt es sich, Luhmanns Zettelkasten nicht als historische Kuriosität zu lesen, sondern als Designprinzip für die nächste Phase der Wissensarbeit.
Was glauben Sie: Welche Fähigkeiten aus der klassischen Informatik werden in zehn Jahren noch gefragt sein – und welche nicht?
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die Reflexion, das Transfer-Denken,
das Systemische und die Kreativität. Apr 5 3 likes